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Re: Anti-Atom Monitoring der tschechischen Presse

Verfasst: Mo 27. Apr 2026, 07:49
von Gabi Reitinger
Auswahl von Zeitungsartikeln aus Tschechien zum Thema Kernkraft vom 27.4.2026:

Inhalt:
40 Jahre nach Tschernobyl – Filmfestival in Budweis.
Anti-Atom-Aktivisten: Das Übel, das wir ausrotten müssen, sagt Minister Červený in einer Fernsehendebatte.
Die Nation, die die Kernenergie weltweit am lautesten ablehnte, beginnt ihre Meinung zu ändern. Was ist mit den Österreichern passiert?
Erbe nach Tschernobyl - Interview.
Das Regime verharmloste Tschernobyl. Bei Kiew fuhren Radfahrer Rennen.
Neue Tochtergesellschaft soll innerhalb eines Jahres entstehen, plant die Führung von ČEZ.
Warnung namens Tschernobyl

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40 Jahre nach Tschernobyl – Filmfestival in Budweis
27.4.2026 Ekolist.cz

Die Südböhmischen Mütter (Jihočeské matky) erinnern bereits seit ihrer Gründung zu Beginn der 90er Jahre an die Katastrophe von Tschernobyl. Über verschiedene Happenings, eine Konferenz im Senat, Fotoausstellungen, Gespräche mit Liquidatoren und Benefizkonzerte für die Opfer von Tschernobyl konzentrieren sich unsere Aktivitäten zum Jahrestag der Havarien in Tschernobyl und Fukushima nun schon im zehnten Jahr auf die Organisierung des Filmfestivals Tschernobylfest.

Dieses Themen- und Diskussionsprojekt hatte seinen Pilotjahrgang im Jahr 2016 und fand nach und nach nicht nur in České Budějovice (Budweis), sondern auch in Prag und Český Krumlov statt. Der diesjährige Jahrgang findet erneut in České Budějovice im Kino Kotva statt, und zwar am Montag, den 27. April, ab 8:30 Uhr.
Das Hauptziel des Festivals ist es, der Öffentlichkeit das Thema der Nuklearkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima durch Dokumentarfilme, Diskussionen und persönliche Zeugnisse näherzubringen. Das Festival konzentriert sich nicht nur auf historische Ereignisse, sondern auch auf deren langfristige Folgen und aktuelle Bezüge – so war beispielsweise die Frage der Bedrohung von Atomanlagen in Zeiten der Kriegskonflikte ein großes Thema bei den Diskussionen der letzten Jahre.
Unter den Gästen des Festivals finden sich Dokumentarfilmer, Fotografen, Publizisten und Zeitzeugen. In der Vergangenheit konnten die Zuschauer beispielsweise auch die sogenannten „Tschernobyl-Kinder“ treffen – eine Verwaltungsbezeichnung für Kinder, die zum Zeitpunkt des Unfalls in kontaminierten Gebieten (insbesondere in der heutigen Ukraine und Weißrussland) aufwuchsen und erhöhter Strahlung ausgesetzt waren. An den Debatten nehmen Experten teil, die sich langfristig mit dem Thema befassen, wie zum Beispiel der Fotograf und Publizist Václav Vašků, der die Tschernobyl-Zone wiederholt besucht. Die Gespräche bieten somit nicht nur Fakten, sondern auch starke menschliche Geschichten.
Das Programm richtet sich primär an Schulen, steht jedoch auch der breiten Öffentlichkeit offen.
„Als Organisatoren des Festivals reagieren wir auf die veränderten Sehgewohnheiten, weshalb ein Teil des Programms online zugänglich gemacht wird. Auf der Website cernobylfest.cz stehen zudem Arbeitsblätter zu den einzelnen Filmen sowie weitere Materialien wie Videoaufzeichnungen von Diskussionen oder Interviews mit Filmemachern und Protagonisten zur Verfügung,“ sagt Monika Witingerova von den Südböhmischen Müttern.
„Aus dem Feedback, das uns von den Zuschauern erreicht – sei es unmittelbar bei den Debatten oder anschließend im Austausch mit Lehrkräften –, schließen wir, dass das Tschernobylfest eine attraktive Plattform ist, die Filmvorführungen mit Bildung und vor allem Raum für eine offene Diskussion zu den Themen Energie, Umwelt und Gesundheit verbindet. Kritisches Denken – also der Versuch, die Realität in ihrer ganzen Komplexität auf der Grundlage verifizierter Informationen und menschlicher Erfahrungen zu verstehen – halten wir beim Thema Kernenergie, aber nicht nur dort, für essenziell,“ ergänzen die Organisatoren.
/gr/



Anti-Atom-Aktivisten: Das Übel, das wir ausrotten müssen, sagt Minister Červený in einer Fernsehendebatte
26. April 2026 CNN Prima News

Bild: Umweltminister  Igor Červený /Motorosten/ im Interview für CNN Prima NEWS


Der Umweltminister Igor Červený (Motoristen) hält die Art und Weise, wie der Regierungsbeauftragte Filip Turek (für Motoristen) in den sozialen Netzwerken der Umweltorganisation Duha damit gedroht hat, sie von der Liste der Antragsteller für einen Fonds zu streichen, nicht für eine Drohung. In einem Interview für CNN Prima NEWS grenzte er sich scharf von Gegnern der Kernenergie ab – er bezeichnet sie als „ein Übel, das wir ausrotten müssen“.



Umweltminister Červený:
„Mit Streiks und Demonstrationen habe ich nicht das geringste Problem, aber ein grundlegendes Problem habe ich mit Vereinigungen, die sich gegen den Bau von Kernkraftwerken stellen. Es handelt sich um eine saubere Energiequelle, unsere Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Für mich ist das ein Übel, das ausgerottet werden muss, weil es eine Bedrohung für das Wesen der Gesellschaft darstellt. Wir können nicht in die Steinzeit zurückkehren.

Ich rufe immer dazu auf, dass wir einen goldenen Mittelweg finden. Tschechien braucht Mobilität für Dienstleistungen, Waren und Materialien – wer dies grundsätzlich sabotiert, ist aus meiner Sicht ein Terrorist. Finden wir eine optimale Lösung.

Quelle:
https://cnn.iprima.cz/zlo-ktere-musime- ... .sznhp.box

/gr/




Die Nation, die die Kernenergie weltweit am lautesten ablehnte, beginnt ihre Meinung zu ändern. Was ist mit den Österreichern passiert?
Autor: Marek Kerles
26.4.2026 Info.cz


KOMMENTAR VON MAREK KERLES

In allen Umfragen nach der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl lehnten die Österreicher die Nutzung der Kernenergie mit überwältigender Mehrheit ab. Doch 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl beginnt sich das zu ändern. Vor allem die jüngere Generation der Österreicher betrachtet die Ablehnung der Kernenergie inzwischen als einen Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.

Schon die Schlagzeilen der Freitagsausgaben österreichischer Zeitungen vor dem sonntäglichen 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe zeigen, dass sich in Österreich rund um die Kerbnkraft etwas Wichtiges zu bewegen beginnt. „Studie zeigt, dass sich die Einstellung zur Kernenergie ändert“, schreibt die Zeitung NÖ Nachrichten. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen auch Die Presse und andere Tageszeitungen: „Österreicher überdenken ihre Haltung zur Kernenergie“, heißt es in der Überschrift eines Artikels in Die Presse.

Bewegung weg vom Extrem...

Es ist dabei zu betonen, dass die Österreicher seit Langem zu den Nationen gehören, die sich weltweit am stärksten gegen die Nutzung der Kernenergie stellen. Zum Anführer der Anti-Atom-Bewegung wurde Österreich gerade nach der Explosion in Tschernobyl. Die Bevölkerung fühlte sich durch diese Katastrophe in ihrer Weitsicht bestätigt, nachdem sie acht Jahre zuvor (1978) in einem Referendum mit knapper Mehrheit die Inbetriebnahme des bereits fertiggestellten österreichischen Kernkraftwerks Zwentendorf abgelehnt hatte.

Auch wenn das Ergebnis des Referendums in erster Linie eine politische Angelegenheit war (der damalige Bundeskanzler Kreisky hatte die Inbetriebnahme Zwentendorfs mit seinem Verbleib im Amt verknüpft), führte die spätere Katastrophe von Tschernobyl dazu, dass sich die österreichische öffentliche Meinung eindeutig auf die Seite der Kernenergiegegner verschob.

In praktisch allen Umfragen lag der Anteil der Kernkraftgegner unter den Österreichern bei etwa 90 % – und das noch vor relativ kurzer Zeit. Noch im Jahr 2022, also nach Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine, lehnten 72 % der Österreicher es ab, die unsichere energiepolitische Zukunft durch den Bau eines eigenen Kernkraftwerks zu lösen.

Die Energiekrise im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran scheint jedoch nach 40 langen Jahren die ablehnende Haltung gegenüber der Kernenergie in der österreichischen Gesellschaft zu verändern.

In einer aktuellen Umfrage des Instituts Spectra stimmten 49 % der österreichischen Befragten der Aussage zu, dass die Ablehnung der Kernenergie ein „Luxus ist, den wir uns nicht mehr leisten können, um die Energiesicherheit in Europa zu gewährleisten“. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so wirkt, stellt dies einen deutlichen Meinungsumschwung dar.

Dabei ist die jüngere Generation in der Frage der Nutzung der Kernenergie offener als die ältere. Unter den unter 50-Jährigen hält sogar eine Mehrheit (57 %) die Ablehnung der Kernenergie für einen unnötigen Luxus. Bei den Älteren sind es 43 %.

https://www.info.cz/zpravodajstvi-a-kom ... a-generace
/gr/


Erbe nach Tschernobyl
25.04.2026 Magazin Víkend DNES (CZ) Autor Ivan Brezina
Rubrik: Interview ~ Seite: 4

VOR 40 JAHREN IST ES PASSIERT. Am 26. April 1986 ereignete sich eine Katastrophe, die unser Leben bis heute beeinflusst – nur anders, als wir denken. Darüber sprach mit uns der Kernphysiker Ondřej Novák.

• Hat die Explosion von Tschernobyl vor 40 Jahren Tschechien gefährdet?
Erhöhte Radioaktivität wurde bei uns im April 1986 zwar gemessen, ihre gesundheitlichen Auswirkungen waren jedoch vernachlässigbar. Erwähnt werden sollten eher die psychologischen Effekte. Das damalige tschechoslowakische Regime informierte uns nicht über den Unfall. Das führte zu zahlreichen Gerüchten, die die Menschen stressten. Angst schadet der Gesundheit. Auch das, was uns real nicht bedroht, kann sich in Angstzuständen und Depressionen äußern.

• Was war die Ursache des Unfalls von Tschernobyl?
Darüber wurden mehrere Serien gedreht, die den Ablauf technisch Minute für Minute erklären – welches Experiment die Sowjets durchführten, was sie ein- und ausschalteten. Oft wird dabei jedoch das politische System vergessen, das wohl am wichtigsten war. Der Schlüssel zum Verständnis ist die Atmosphäre der damaligen Zeit. Ich erkläre es mit einem Vergleich: Wenn man betrunken auf der Autobahn in die falsche Richtung fährt, braucht man sich über einen Unfall nicht zu wundern. Egal, ob das Auto gut oder schlecht ist – es wird passieren. Fährt man jedoch nüchtern, aufmerksam und regelkonform, ist die Chance hoch, dass nichts passiert, selbst mit einem alten Auto. Der Tschernobyl-Reaktor war so ein „Oldtimer“ – keineswegs ein modernes Auto mit Airbags und Assistenzsystemen. Hätten die Bediener das respektiert und nach Vorschrift gearbeitet, wäre nichts geschehen. Sie nutzten den Reaktor jedoch falsch, und die Technologie war nicht robust genug, das zu verzeihen.
• Also sowjetischer Schlendrian und Ignoranz?
Es gibt einen großen Unterschied darin, wie wir im Westen mit Kernenergie umgehen. Dennoch müssen wir uns ständig daran erinnern, Regeln einzuhalten. Schauen Sie sich die Straßen an – viele fahren zu schnell oder mit schlechten Autos. Man glaubt, man schafft es auch mit Restalkohol. In Tschernobyl dachte man ebenfalls, Vorschriften ließen sich umgehen. Dieser Ansatz war Ausdruck des kommunistischen Systems. Solche Nachlässigkeit gibt es in der europäischen Kernenergie nicht – Sicherheitsregeln werden streng eingehalten.
• Könnte so etwas auch in Temelín oder Dukovany passieren?
Ich müsste Science-Fiction-Autor sein, um mir ein Szenario vorzustellen, in dem es bei uns zu einer so massiven Freisetzung radioaktiver Stoffe kommt wie in Tschernobyl. Theoretisch vielleicht denkbar, praktisch halte ich es für nahezu unmöglich.
• Worin unterscheidet sich der Tschernobyl-Reaktor von denen in Temelín und Dukovany?
Ganz grundlegend – ein Generationenunterschied. Der Tschernobyl-Reaktor hatte viele konstruktive Nachteile. Die Reaktoren in Tschechien sind deutlich fortschrittlicher – ein Unterschied von Jahrzehnten.
• Zum Beispiel?
Zum Beispiel die Schutzhülle – das Reaktorgefäß. Man kann es sich wie einen riesigen Topf vorstellen, der sehr hohen Druck und Temperaturen aushält. Selbst bei einem Unfall hält er die radioaktiven Stoffe im Inneren. Zusätzlich gibt es das sogenannte Containment, ein widerstandsfähiges Stahlbetongebäude. Selbst wenn der „Topf“ versagen würde, würden keine radioaktiven Stoffe in die Umwelt gelangen. Tschernobyl hatte nichts davon.
• Ich habe gelesen, dass der Reaktor auch zur Plutoniumproduktion diente. Ist das möglich?
Das werden wir wohl nie sicher wissen – die Sowjets hielten es geheim. Es stimmt jedoch, dass dieser Reaktortyp die Plutoniumproduktion gut ermöglichte.
• Wäre das auch in Temelín oder Dukovany möglich?
Extrem schwierig – und vor allem nicht geheim. Unsere Reaktoren stehen unter Kontrolle internationaler Behörden, werden überwacht und regelmäßig inspiziert.
• Worin unterscheidet sich ein Kernkraftwerk von einem Kohlekraftwerk?
Das Grundprinzip ist gleich: Dampf erzeugen, der eine Turbine antreibt. Unterschiede gibt es viele – Kohlekraftwerke sind weniger leistungsfähig und verursachen Schadstoffe, während Kernkraftwerke viel strengere Sicherheitsanforderungen haben.
• Also im Grunde ein Kessel, der nur anders beheizt wird?
Genau. In einem Kohlekraftwerk wird Energie aus chemischen Bindungen freigesetzt. In einem Kernkraftwerk gehen wir tiefer – wir verändern Bindungen im Atomkern. Diese enthalten viel mehr Energie, daher ist Kernspaltung deutlich effizienter.
• Worin unterscheidet sich das von einer Atombombe?
Das Prinzip ist gleich. Der Unterschied ist die Kontrolle: Im Reaktor läuft die Spaltung langsam und gleichmäßig ab, in der Bombe explosiv.
• Wie kontrolliert man die Kettenreaktion?
Durch das Absorbieren eines Teils der Neutronen. So bleibt die Reaktion stabil und es kommt nicht zur Explosion.
• Wie viel Uran wird in Temelín verbraucht?
In jedem Block etwa 92 Tonnen Brennstoff, von denen jährlich etwa ein Viertel genutzt wird. Kohle würde man für die gleiche Leistung millionenfach mehr benötigen.
• Wie steuert man einen Reaktor?
Mit Steuerstäben, die Neutronen absorbieren, sowie weiteren Mitteln wie Borsäure.
• Was steigt aus den Kühltürmen auf?
Reiner Wasserdampf – kein Rauch.
• Entweicht Radioaktivität?
Nur in vernachlässigbaren Mengen, weit unter gefährlichen Grenzwerten.
• Welcher Anteil an Kernenergie wäre für Tschechien sinnvoll?
Derzeit etwa 40 %, mehr wäre sinnvoll – besonders im Winter. Drei bis sechs neue Reaktoren wären ideal.
• Steht eine Renaissance der Kernenergie bevor?
Ja, und sie hat bereits begonnen – aus geopolitischen und wirtschaftlichen Gründen.
• Welche Folgen hatte Tschernobyl für die Energiepolitik?
Viele Länder wandten sich von der Kernenergie ab. Deutschland schaltete im Jahre 2023 seine letzten Reaktoren ab – eine Entscheidung, die heute teils kritisch gesehen wird, da sie zu höheren Emissionen und Importabhängigkeit führte.
/gr/




Das Regime verharmloste Tschernobyl. Bei Kiew fuhren Radfahrer Rennen
25.04.2026 Tageszeitung Českobudějovický deník Seite 9 Autor: Jiří Nováček

Morgen jährt sich die Tragödie im Kernkraftwerk Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Die tschechoslowakischen Medien berichteten über den Unfall überwiegend nach offiziellen sowjetischen Meldungen, und das Regime verharmloste die Situation. Zur gleichen Zeit fand beispielsweise in Kiew das Friedensrennen statt, obwohl die Region nur wenige Dutzend Kilometer vom Unglücksort entfernt war.
Die tschechoslowakischen Zeitungen und das Fernsehen berichteten über den Unfall des Reaktorblocks im Kraftwerk in Tschernobyl – ebenso wie die Medien im damaligen sozialistischen Block – nur mit leichter Verzögerung. Ausweichend, vage und ohne Zusammenhänge. Die größte Katastrophe eines Kernkraftwerks in der Geschichte wurde verharmlost. Heute kann man ihnen das kaum vorwerfen, denn die Zeitungen übernahmen nahezu sofort die ersten offiziellen Meldungen der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. Ende April und Anfang Mai, als die radioaktive Wolke bereits Mittel- und Westeuropa erreicht hatte, präsentierten Fernsehen und Zeitungen der Bevölkerung die Geschichte des Unfalls so, wie sie von der offiziellen, zensierten Propaganda angepasst worden war.

ALLES IST IN ORDNUNG….
Die erste Meldung erschien am Montag, dem 28. April, um 21 Uhr Moskauer Zeit, als das sowjetische Staatsfernsehen sie kurz in seiner Hauptnachrichtensendung „Wremja“ bekannt gab. Zu diesem Schritt wurden die Sowjets von Schweden gezwungen, wo im Kraftwerk Forsmark erhöhte Radioaktivität gemessen und deren Ursprung in der UdSSR lokalisiert wurde. Über die Explosion berichtete sofort zum Beispiel Radio Free Europe.
In der Tschechoslowakei erschien die erste Erwähnung am Dienstag, dem 29. April – drei Tage nach der Explosion. Eine zehnzeilige Meldung der Tschechoslowakischen Nachrichtenagentur wurde von allen Tageszeitungen auf den Innenseiten abgedruckt, als erste von Rudé právo, unten auf Seite sieben. „Wie unsere Öffentlichkeit in den Massenmedien informiert wurde, kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl in der UdSSR zu einem Unfall. Auf dem Gebiet der ČSSR werden kontinuierliche Messungen der Luftströmungen durchgeführt, und während der gesamten Messzeit wurde kein Anstieg der Radioaktivität festgestellt“, schrieb die Zeitung.

FRIEDENSRENNEN….
Das tschechoslowakische Regime hatte jedoch nicht den Mut, sich der sowjetischen Interpretation der Ereignisse zu widersetzen, selbst als der Westen bereits alarmiert war. Deshalb zog der Tschechoslowakische Verband für Körperkultur und Sport die Nationalmannschaft der Radfahrer nicht vom Prolog und der ersten Etappe des Friedensrennens zurück, das damals am 6. Mai in Kiew startete. Die Radfahrer traten in einer radioaktiv belasteten Umgebung weniger als zwei Wochen nach dem Unfall an – Tschernobyl war nur 130 Kilometer entfernt.
Nach damaligen tschechoslowakischen Medien „unterlagen“ die Nationalteams aus Belgien, Italien, Großbritannien und den USA „feindlicher Propaganda“, als sie ihre Teilnahme absagten und nach Hause zurückkehrten. Die Mannschaften aus der Schweiz, den Niederlanden, der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich holten ihre Flugtickets gar nicht erst ab und flogen überhaupt nicht nach Kiew. Das Friedensrennen startete dennoch – obwohl die Krankenhäuser in Tschernobyl und Umgebung bereits mit Menschen mit schweren Symptomen der Strahlenkrankheit überfüllt waren.

UNSER SIEGER….
Die tschechoslowakischen Berichterstatter schilderten die Situation als idyllisch. Rudé právo schrieb, dass die Menschen in der Umgebung von Tschernobyl ein ungestörtes normales Leben führten und dass an den Mai-Festen in Kiew über hunderttausend Menschen teilnahmen. „All dies sind Beweise dafür, dass der Unfall das Leben der ukrainischen Metropole in keiner Weise bedroht hat und somit auch nicht die Gesundheit der Teilnehmer des Friedensrennens.“
Der Sieger der Auftaktetappe, der damals einundzwanzigjährige Jozef Regec aus Dukla Brno, bezahlte seinen Start später mit schweren gesundheitlichen Problemen, die mit übermäßiger Strahlenbelastung zusammenhingen. Im Jahr 2005 mussten Ärzte ihm eine von Krebs befallene Niere entfernen.

ES IST EINE KAMPAGNE….
Das tschechoslowakische Fernsehen und die Zeitungen ließen es nach dem Unfall an keiner Gelegenheit fehlen, auf eine „hetzerische Kampagne des verrotteten Kapitalismus und Imperialismus“ hinzuweisen, der sich verschworen habe, das sozialistische Lager zu destabilisieren. „In den Vereinigten Staaten und in einer Reihe weiterer Länder verbreiten gewisse Kreise Erfindungen und Märchen, die an die Grenze des Absurden gehen. Es werden Stimmen laut, den USA das Recht auf sofortige Inspektion und Untersuchung vor Ort zu gewähren. Durch künstliches Anfachen der Kampagne soll offenbar die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von der Barbarei und Schändlichkeit der jüngsten amerikanischen Aggression gegen Libyen, von den Atomtests in Nevada, die die Empörung der gesamten Menschheit hervorriefen, sowie vom militaristischen Programm der ‚Star Wars‘ abgelenkt werden“, schrieb die Tschechoslowakische Nachrichtenagentur.

WIR BRECHEN REKORDE!
Die Tschernobyl-Tragödie schaffte es nie auf die Titelseiten. Der Leitartikel der Gewerkschaftszeitung Práce widmete sich einer feierlichen Versammlung der Werktätigen und der Jugend der Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei, deren Teilnehmer auf der halben Titelseite „das revolutionäre Vermächtnis erfüllten“.
Rudé právo berichtete über die 15. Plenarsitzung des Zentralrats der Gewerkschaften, die bestätigte, dass das Programm des 17. Parteitags der Kommunistischen Partei auch das Programm der Mitglieder der Revolutionären Gewerkschaftsbewegung sei. In der Diskussion traten 39 Teilnehmer auf, und alle lobten die vorbildliche Initiative der Bergleute aus dem Magnesitwerk in Lubeník, die sich verpflichtet hatten, eine Rekordmenge an Gestein abzubauen.
/gr/


Neue Tochtergesellschaft soll innerhalb eines Jahres entstehen, plant die Führung von ČEZ
25.04.2026 Tageszeitung Mladá fronta DNES Autor: Tomáš Ventura
Rubrik: Wirtschaft - Seite: 11

Die Führung des Energiekonzerns ČEZ hat die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft vorgeschlagen, in die aus der bestehenden Struktur der Verkauf und die Verteilung von Energie, der Handel sowie Energiedienstleistungen ausgegliedert werden sollen. Es handelt sich um den ersten Schritt zur geplanten Verstaatlichung des Unternehmens.

„Um unsere Ziele zu erreichen, ist es notwendig, die Struktur der ČEZ-Gruppe anzupassen und zu optimieren“, sagte der Generaldirektor von ČEZ, Daniel Beneš, und fügte hinzu, dass diese Überlegungen bereits durch die vergangene Energiekrise nach Beginn des Krieges in der Ukraine verstärkt worden seien.
„Derzeit stehen wir erneut vor einer globalen Krise, und diese Notwendigkeit besteht nicht nur fort, sondern nimmt sogar zu“, ergänzte er.

Die Tochtergesellschaft wird zunächst zu 100 Prozent im Besitz von ČEZ sein. „In Zukunft will ČEZ hier auf jeden Fall die Mehrheit behalten, das heißt mindestens 51 Prozent. Für die Mitarbeiter ändert sich nichts“, fügte Beneš hinzu.
Die Ausgliederung der neuen Tochtergesellschaft wird seiner Ansicht nach eine Maximierung des Wertes und eine bessere Bewertung der einzelnen Teile der ČEZ-Gruppe ermöglichen. „Dieser Schritt berücksichtigt auch das Vorhaben, das im Regierungsprogramm verankert ist – nämlich die 100-prozentige Kontrolle über den Erzeugungsbereich von ČEZ zu erlangen, ohne den Staatshaushalt zu belasten“, erklärte Beneš.

„Der nächste Meilenstein ist die Gründung der Tochtergesellschaft mit dem Ziel bis zum Ende des ersten Quartals des kommenden Jahres. Was den weiteren Schritt betrifft, also den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung, wird sich angesichts der breiten Palette an Möglichkeiten auch das Timing unterscheiden“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Pavel Cyrani. Er gilt auch als Hauptkandidat für die Position des Leiters der neuen Tochtergesellschaft.
Der Staat hält derzeit etwa 70 Prozent der Aktien von ČEZ, der Rest gehört Minderheitsaktionären. Die Verstaatlichung des Unternehmens ist eines der erklärten Ziele der aktuellen Regierung, und durch den Aufkauf der Anteile der Minderheitsaktionäre würde der Staat zum alleinigen Eigentümer werden. Premierminister Andrej Babiš kündigte kürzlich an, dass das Kabinett den gesamten Prozess der vollständigen Übernahme von ČEZ spätestens bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode im Jahr 2029 abschließen will.
Laut dem Analysten von XTB, Jiří Tyleček, handelt es sich um einen grundlegenden Vorschlag in der langjährigen Debatte über die Transformation des heimischen Energieriesen. „Die Realität des Vorschlags ist, dass der Staat die hundertprozentige Kontrolle über die strategische Stromerzeugung in der Muttergesellschaft behält, während saubere und stabile Vermögenswerte in die Tochtergesellschaft verlagert werden“, sagte er. Durch den Verkauf eines Anteils an der Tochtergesellschaft werde das Unternehmen Kapital für die Finanzierung des Baus neuer Kernkraftwerksblöcke erhalten. „Das Unternehmen wird also zunächst die Eigentümerstruktur optimieren und anschließend die Verstaatlichung durch den Rückkauf eigener Aktien durchführen“, fügte Tyleček gegenüber ČTK hinzu.

Der Verkauf eines Teils der neuen Gesellschaft könnte seiner Ansicht nach einen Marktmaßstab für die Bewertung der Vermögenswerte schaffen und damit eine faire Grundlage für ein mögliches zukünftiges Angebot zum Rückkauf der Aktien der Muttergesellschaft ČEZ bilden.
„Die Bewertung der neuen Gesellschaft wird entscheidend sein, da die gewonnenen Mittel für den Aufkauf von Aktien über die 90-Prozent-Schwelle hinaus verwendet werden und die verbleibenden Aktionäre anschließend verdrängt werden“, sagte Tyleček. Die Einberufung der Hauptversammlung und die Veröffentlichung des Vorschlags zeigen seiner Ansicht nach, dass eine politische Einigung über die Art der Verstaatlichung sehr nahe ist.
Foto von ČTK: Führung von ČEZ. Der Staat hält etwa 70 Prozent der Aktien des Unternehmens, der Rest gehört Minderheitsaktionären.
/gr/


Warnung namens Tschernobyl
25.04.2026 Tageszeitung Mladá fronta DNES Seite 13 Autor: Tomáš Řepa

Tschernobyl, eine nicht einmal fünfzehntausend Einwohner zählende Kleinstadt im Norden der Ukraine, wurde vor 40 Jahren zu einer Warnung für die ganze Welt, wie Technik nicht nur durch Fehler, sondern auch durch mangelhafte Kommunikation, Leistungsdruck und maximale Servilität versagen kann.
Vor vierzig Jahren, am 26. April 1986 um 1:23 Uhr morgens, erschütterte eine Explosion den Norden der damaligen sowjetischen Ukraine, die sich innerhalb weniger Stunden zu einer der bedeutendsten Katastrophen der modernen Geschichte entwickelte. Im Reaktorblock Nummer 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl geriet ein Experiment außer Kontrolle, das Sicherheitsverfahren überprüfen sollte. Das Ergebnis war kein Fortschritt – sondern ein aufgerissener Reaktor, brennender Graphit und eine radioaktive Wolke, die innerhalb weniger Tage große Teile Europas erreichte.

Tschernobyl war jedoch nicht nur ein „Unfall“. Es war das Ergebnis eines Zusammenspiels technischer Mängel, menschlicher Entscheidungen und systemischen Versagens, die sich über Jahre angesammelt hatten. Gerade diese Kombination macht die Katastrophe von Tschernobyl bis heute zu einer der wichtigsten Fallstudien – nicht nur für die Kernenergie, sondern auch für Krisenmanagement, Politik und das Funktionieren autoritärer Regime.
Der Bau des Kraftwerks begann im Jahre 1970, in Betrieb genommen wurde es im Jahre 1977. Der verhängnisvolle Test im Jahr 1986 hatte dabei ein relativ „banales“ Ziel: zu überprüfen, ob die Turbine nach einem Stromausfall kurzfristig das Kühlsystem des Reaktors versorgen kann, bis die Dieselgeneratoren anlaufen. Das Problem war, dass dieser Test unter Bedingungen stattfand, für die der Reaktor nicht ausgelegt war. Die Bediener senkten die Leistung auf ein gefährlich niedriges Niveau und schalteten zugleich wichtige Sicherheitssysteme ab. Der Reaktor arbeitete dabei in einem instabilen Zustand, der an sich bereits riskant war.
Im entscheidenden Moment versuchten die Operatoren, den Reaktor durch Drücken des AZ-5-Knopfs abzuschalten. Paradoxerweise beschleunigte gerade dieser Schritt die Katastrophe. Eine konstruktive Eigenschaft des Reaktors führte kurzfristig zu einer Leistungssteigerung statt zu deren Absenkung – und innerhalb weniger Sekunden kam es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Es folgten zwei Explosionen, die den Reaktor zerstörten und seinen Kern freilegten.

Kraftwerk für Schönwetterbedingungen...
Was folgte, war keine nukleare Explosion im eigentlichen Sinne, sondern eine Kombination aus Dampfexplosion und Graphitbrand, der enorme Mengen radioaktiver Stoffe freisetzte. Das kontaminierte Material verbreitete sich anschließend je nach Wetterlage in der Atmosphäre.
Um zu verstehen, warum der Unfall überhaupt geschehen konnte, muss man sich die Konstruktion des Reaktortyps RBMK ansehen, der in der Sowjetunion weit verbreitet war. Ein grundlegendes Problem war der sogenannte positive Dampfblasenkoeffizient – eine Eigenschaft, bei der die Leistung des Reaktors steigt, wenn sich Wasser in Dampf verwandelt, statt zu sinken. Das bedeutete, dass sich der Reaktor unter bestimmten Bedingungen selbst „hochschaukeln“ konnte.
Eine weitere Schwäche lag in der Konstruktion der Steuerstäbe. Diese hatten Graphitspitzen, die beim Einfahren zunächst kurzzeitig die Reaktivität erhöhten. Im Normalbetrieb war das ein Detail – in einer Krise jedoch ein fataler Konstruktionsfehler.
Im Gegensatz zu westlichen Kraftwerken fehlte dem RBMK- Reaktor zudem eine vollwertige Schutzhülle (Containment), die das Austreten von Radioaktivität verhindert hätte. Nachdem der Reaktor zerstört war, stand einer massiven Kontamination der Umgebung nichts mehr im Weg. Mit anderen Worten: Es handelte sich um eine Technologie, die bei korrektem Betrieb funktionierte – bei Abweichungen jedoch gefährlich instabil war.

Es wäre jedoch zu einfach, die Schuld allein der Technik zuzuschieben. Tschernobyl war das Ergebnis eines grundlegenden menschlichen Versagens – und vor allem der Atmosphäre eines totalitären Systems, das auf Lügen beruhte. Die Bediener verletzten Sicherheitsvorschriften, schalteten Schutzsysteme ab und ignorierten Warnsignale. Gleichzeitig arbeiteten sie in einem System, das ihnen entscheidende Informationen über die Gefahren des Reaktors vorenthielt. Einige Konstruktionsmängel wurden sogar geheim gehalten und erst infolge dieser Katastrophe behoben.
Hinzu kam der Druck, den Plan zu erfüllen und den Test abzuschließen. Das sowjetische Industriesystem stellte Leistung und Gehorsam über Sicherheit und kritisches Denken. Das Ergebnis war eine Situation, in der Menschen riskante Entscheidungen trafen, ohne deren Folgen zu verstehen.
Unmittelbar nach der Explosion starben zwei Mitarbeiter des Kraftwerks, Valerij Chodemtschuk und Wladimir Schaschenok. In den folgenden Wochen starben Dutzende weitere Menschen an akuter Strahlenkrankheit. Feuerwehrleute und Arbeiter, bekannt als „Liquidatoren“, kämpften oft ohne ausreichenden Schutz gegen das Feuer und die Radioaktivität. Viele von ihnen bezahlten mit ihrem Leben oder mit dauerhaften gesundheitlichen Folgen.
Die nur wenige Kilometer entfernte Stadt Prypjat wurde erst am 27. April evakuiert – also mehr als 24 Stunden nach der Explosion. Insgesamt wurden etwa 350 000 Menschen umgesiedelt.

Mehrere Hiroshimas und Nagasakis….
Die radioaktive Wolke breitete sich über Europa aus. Zuerst wurde sie in Schweden entdeckt, was die Sowjetunion unter ihrem neuen Generalsekretär Michail Gorbatschow dazu zwang, den Unfall einzugestehen. Anfangs war es nämlich eine vertuschte Katastrophe gewesen.
Die insgesamt freigesetzte Radioaktivität war um ein Vielfaches höher als bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Die langfristigen Folgen von Tschernobyl lassen sich nur schwer beziffern und sind bis heute Gegenstand von Debatten. Sicher ist jedoch, dass die Katastrophe Tausende Fälle von Schilddrüsenkrebs verursachte, insbesondere bei Kindern.
Große Gebiete wurden kontaminiert, und es entstand eine sogenannte Sperrzone mit einem Radius von etwa 30 Kilometern, die bis heute existiert. Das Reaktorgebäude wurde bereits im Jahre 1986 mit einem Stahlbetonsarkophag umhüllt, um weitere Kontamination zu verhindern. Im Jahre 2019 wurde eine neue Schutzhülle fertiggestellt, die die ursprüngliche Konstruktion umschließt.

Für den Unfall von Tschernobyl wurden nach Ermittlungen der sowjetischen Behörden vor allem leitende Mitarbeiter des Kraftwerks verurteilt, nicht jedoch die Konstrukteure des Reaktors oder die politische Führung. Der Prozess fand im Jahre 1987 in der Stadt Tschernobyl statt und hatte stark exemplarischen Charakter.
Zu den Hauptverurteilten gehörte Anatolij Djatlow, der als stellvertretender Chefingenieur den verhängnisvollen Test leitete und dessen Durchführung trotz offensichtlicher Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften durchsetzte. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die gleiche Strafe erhielt Viktor Brjuchanow, verantwortlich für den Gesamtbetrieb des Kraftwerks und die Sicherheitskultur. Ebenfalls zehn Jahre bekam Nikolai Fomin, zuständig für die technische Aufsicht über den Reaktorbetrieb.
Der Gerichtsprozess war damals in hohem Maße politisch motiviert. Die sowjetische Führung brauchte Schuldige – und fand sie vor allem auf der Ebene des Kraftwerks. Keiner der Konstrukteure des RBMK-Reaktors oder der höheren Ministerialstrukturen wurde verurteilt, obwohl spätere Analysen klar zeigten, dass Konstruktionsfehler und systemisches Versagen eine entscheidende Rolle spielten.

Ein Sargnagel für die UdSSR….
Aus ökologischer Sicht ergab sich zugleich ein Paradox: Während der Mensch das Gebiet verließ, konnte sich die Natur allmählich erholen. Tschernobyl wurde zu einem unbeabsichtigten Experiment darüber, wie sich Ökosysteme ohne menschlichen Einfluss entwickeln.
Politisch hatte Tschernobyl erhebliche Auswirkungen auf die Sowjetunion. Die Katastrophe legte die Schwächen des Systems, seine Intransparenz und seine Unfähigkeit, auf Krisen zu reagieren, offen. Sie trug zur Politik der „Glasnost“ bei und indirekt auch zur Schwächung des Regimes, das wenige Jahre später zusammenbrach.
Tschernobyl ist nicht nur ein historisches Ereignis. Es ist eine Warnung, die bis heute aktuell ist. Es zeigt, dass technologische Systeme nicht nur durch Fehler scheitern können, sondern durch eine Kombination negativer Faktoren – schlechte Ideen, unzureichende Kommunikation, Leistungsdruck und extreme Servilität.
Es zeigt auch, dass Transparenz und Offenheit kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für Sicherheit sind. Und vielleicht die wichtigste Lehre: Katastrophen dieser Art entstehen nicht plötzlich. Sie entstehen lange zuvor – in Entscheidungen, die klein, routinemäßig und unbedeutend erscheinen. In Tschernobyl trafen diese Entscheidungen in einer einzigen Nacht zusammen. Und veränderten die Welt.
/gr/

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Gabriela Reitingerova
OIŽP - Občanská iniciativa pro ochranu životního prostředí / BIU - Bürgeriniative Umweltschutz
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Tel: 603 805 799